Experiences with Diabetes

Digitaler Diabetologe, gibt es den?

Vor nicht allzu langer Zeit haben lumind und ich zusammen eine kleine Umfrage zum Arzt-Patientenverhältnis in der Diabetes-Community gestartet. Wir wollten gemeinsam mehr über die aktuelle Arzt-Patient bzw. Diabetologen-Patienten Beziehung herausfinden. Dabei ging es bei der Umfrage nicht nur darum, wie so eine Sprechstunde beim Diabetologen abläuft und wie das Verhältnis zum eigenen Diabetologen und der Schwerpunktpraxis ist, sondern auch ein bisschen darum, wie „digital“ die Diabetologen grundsätzlich in Deutschland sind.

Durch meine eigenen Erlebnisse war ich ziemlich voreingenommen und um so mehr überrascht, als ich dann die Ergebnisse sah: Aus unseren insgesamt 100 Antworten, gaben 77% der Befragten an, dass ihre Diabetologen hinsichtlich neuer Therapiemethoden immer auf dem aktuellsten Stand sind. Nur 23% der Befragten empfanden ihren Diabetologen als nicht besonders up-to-date und vertraut mit neuen Methoden, könnten sich aber in diesem Zusammenhang vorstellen, ihren Diabetologen zu wechseln (32%).

alexa diabetes arzt patientenbesprechung

Auch hat die Umfrage ergeben, dass 70% der Diabetologen unsere befragten Patienten dazu ermutigen, neue Methoden in der Diabetestherapie auszuprobieren, auch wenn sie selbst diese noch nicht genau kennen. Chapeau! Die deutschen Diabetologen modernisieren sich.

Aber was bedeutet in diesem Kontext eigentlich modern? Steht modern, für neu und aktuell - und damit auch gleich für digital?  Wie man nur unschwer erkennen kann, digitalisiert sich im alltäglichen Leben zunehmend alles: Sei es die Online-Terminvergabe, das Tracking von Schritten und Schlaf-Rhythmen oder das digitale Kohlenhydrate-Zählen (snaq). Aber was macht diese zunehmende Digitalisierung mit unseren Ärzten, unseren Diabetologen?

Telemedizin, was ist das?

Immer wieder liest man von der Zukunft der Telemedizin, ein Sammelbegriff für verschiedenartige ärztliche Versorgungskonzepte, deren gemeinsamer Nenner in der Überbrückung räumlicher Entfernung und zeitlichem Versatz liegt und die Arzt-Patienten Kommunikation erleichtern soll. Das bedeutet, dass die Kommunikation dann über IT- und Kommunikationstechnologien wie WhatsApp, Telegramm oder Skype abläuft.  Oder gar über neue Messenger-Systeme, die es so noch gar nicht gibt.

der digitale patient diabetes

Eigentlich gar nicht so schlecht: Stellt euch mal vor, ihr müsstet nicht alle drei Monate zu eurem Facharzt fahren, im Wartezimmer sitzen und auf euren Aufruf warten, sondern könntet alles ganz bequem von zu Hause aus regeln. Durch digitales Übertragen der Daten hätte euer Arzt die richtigen Unterlagen, zur richtigen Zeit an Ort und Stelle und könnte alles mit euch besprechen; wie sonst auch: nur Online – nur digital. Wie wäre diese Welt? Wäre sie eine wünschenswerte?

Ich selbst könnte mir ein solches Leben durchaus vorstellen, meine Diabetologen hingegen eher nicht. Sie steht diesem Trend skeptisch gegenüber:„Ich glaube nicht, dass ich bei einem Videochat genauso emphatisch reagieren kann, als wenn der Mensch direkt vor mir sitzt. Für mich wäre das zu unpersönlich. Ich brauche diese zwischenmenschlichen Schwingungen und auch das zur Arbeit gehen.“ Könnten Überlegungen wie diese, der Digitalisierung in Deutschland den Garaus machen?

Videochat und co.

Die Umfrage bestätigt in dieser Hinsicht Ähnliches: Nur 28% der Befragten könnten sich aktuell vorstellen, gemeinsam mit ihrem Arzt per Videochat zu kommunizieren. Übereinstimmend geringe Prozente fielen auch bei der Frage nach der Möglichkeit eines Arzt-Patienten-Chats aus: 29% glauben, dass ihr Arzt mit ihnen die Therapie-Outcomes per Chat besprechen würde. 65% sind davon überzeugt, dass er es nicht tun würde. Nur 6% der Befragten tun es bereits.  Zahlen, die die Telemedizin nicht unbedingt bestätigen. Nun stellt sich die Frage, an wem dieser digitale Rückschritt hängt? Sind es die Patienten, die Ärzte, die Diabetologen oder die digitalen Lösungen selbst? Vielleicht ist es ein Hinweis darauf, dass bisher noch nicht die richtigen digitalen Lösungen entwickelt wurden?

video chat patient arzt doc

Grundsätzlich kam nämlich bei unserer Umfrage heraus, dass 96%, der befragten Typ 1 Diabetiker im Alter von 18 bis 31 Jahren, sich selbst als „eher“ bis „sehr digital“ definieren. Umso erstaunlicher, dass eben diese digitalen Patienten angaben, dass sie keine, bis nur sehr wenige Apps zur Motivation und zum Tracking der Diabetesinformationen nutzten. Auch hier schürt sich der Verdacht weiter.

Nach wie vor drucken 32% der Befragten ihre Daten extra für den Artbesuch aus und führen analoge Tagebücher (7%). 9% gaben sogar an, dass sie noch keine richtige Routine dafür entwickelt haben und nicht genau wüssten, wie sie die Daten vorzeigen sollen. Ansonsten werden Diasend(9%) und Smartprix Lesegeräte(10%) zum Auslesen genutzt. Die restlichen 42% setzen sich aus verschiedenen Methoden, wie mündlicher Kurzreporte bis hin zu Mail-Zusammenfassungen, die 1x pro Woche an den Arzt geschickt werden. Man sieht, eine standardisierte Routine, die das Leben für alle Beteiligten erleichtert, gibt es hier nicht wirklich.

Auch ich habe verschiedenes jahrelang ausprobiert und bin ehrlich gesagt froh, dass ich heute nur noch meine Pumpe bei meiner Ärztin auslesen muss und diese dann alles hat, was sie für meine Behandlung benötigt. Das vereinfacht vieles enorm.

 Diabetologen sind auch nur Menschen.

Arzt Patientenverhältnis

Natürlich kann ich aber auch verstehen, dass nicht jeder von dieser Digitalisierung begeistert ist. Es scheint, als schwinge dabei noch ein bisschen Berührungsangst mit: Sowohl auf Patienten- wie auch auf Arztseite. Mein eigener Eindruck war bisher immer, dass sich viele Diabetologen mit neuen Techniken und teilweise sogar mit neuen Therapieansätzen schwertun und ich eher darum kämpfen und bitten musste, neue Therapieformen ausprobieren zu können. Aber Ärzte sind auch nur Menschen, sie gehen ähnlich mit den Trends um wie wir. Ob wir es mögen oder nicht, Digitalität ist innere Einstellungsasche. Ich persönlich interessiere mich für digitale Neuigkeiten, und so auch meine Diabetologin.

Die Umfrage zeigt, dass der Wille zum digitalen Umschwung durchaus vorhanden ist, nur hapert es noch an der Umsetzung. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass meine Praxis immer mal wieder Probleme mit den vielen verschiedenen Softwareprogrammen hat. Vielleicht hat die Zukunft die richtige Lösung in Petto? Wir werden sehen.

Lisa (seit ´99 Diabetikerin) begleitet uns in 2018 mit kleinen Anekdoten aus dem Alltag. Sie bloggt von Momenten der Stärke und der Schwäche, vom Diabetes-Blues, der so manches Lied mit einem spielt und motiviert zum Weitermachen.

 

Leave a Reply